Patricia Barber Quartett beim XIX. Gyulai Vár Jazz Fesztivál 2010, 24. Juli

Patricia Barber im Burggarten von Gyula mit Veranstalter Jozsef Gedeon
Patricia Barber im Burggarten von Gyula mit Veranstalter Jozsef Gedeon

Gyula – klingt wie Musik von Patricia Barber.

Selten habe ich mir ein Konzert so hart erarbeitet, wie dieses von Patricia Barber in der Burg von Gyula: 700 km mit dem Rad von Passau bis Budapest, das Schlussstück bis Gyula bis an die rumänische Grenze, mit der Bummelbahn. Eine Erfahrung der Langsamkeit, bei gleichzeitig höchster physischer Intensität. Das Taxi vom Bahnhof zum Hotel ist Kamerafahrt, das allmähliche Hinübergleiten in den Bannkreis dieser ungarischen Dorfversion der „Truman Show“.
Gyula ehrt viele Persönlichkeiten des politischen und kulturellen Lebens mit Büsten, die unter schattigen Bäumen stehen. Alles ist nett aufgeräumt, Hüpfburgen für die Kinder, die Erwachsenen bekommen Brot in Form der landestypischen Küche- Krautwickel, riesen Schweinsbratwürste, Paprikatopf und Fleisch mit dicker Schwarte. Abgerundet wird dieses kulinarische Wohlfühlarrangement durch ein erlesenes Angebot an Weinen, örtlicher Anbieter.
Ich durchschreite den Burggarten und laufe schnurstracks dem Star des Abends in die Arme: Patricia Barber verlässt begleitet vom schwarzgewandeten Festivalchef „Jozsef Gedeon“ gerade das Burginnere. Der Soundcheck ist gemacht, zurück ins Hotel, den erwachenden New Yorker Freunden elektronisch unbedingt von diesem „marvelous“ Ort Kunde tun.

DasKonzertticket konnte ich problemlos von Deutschland aus buchen, aber dass ich außer dem Patricia Barber Quartett noch drei andere Jazzbands gebucht hatte, war den Ankündigungen nicht zu entnehmen. So wird der Abend lang, jeder Gruppe werden 50 Minuten Spielzeit zugebilligt und zunächst soll der Gast aus Amerika den Abend krönen, darf dann aber wegen im Burghof unter freiem Himmel und drohendem Regen auf Platz drei um eine Position vorrücken.

Die Veranstaltung ist ausverkauft, jeder Sitzplatz auf der in den Burghof eingepassten Tribüne besetzt. Ein leichtes Winderl weht einem die ersten Töne um die Ohren. Ganz sympathisch führt das „Szöke Nikoletta Quartett“, eine ungarische Jazzformation in den Abend ein. Mit schöner Stimme interpretierten Realbook Songs, einige ungarische Titel dabei. Die Sängerin lässt ihren Musikern viel Platz für mitreißende Improvisationen und, ohne ihre stimmlichen Qualitäten schmälern zu wollen, die Männer gäben auch ein formidables Trio ab.
Den Auftritt von „Syrius emlékkoncert – Frank Zappa Emlékzenekar“ nutze ich, um mir ein wärmendes Kleidungsstück im Hotel zu besorgen. Jazzrock ist nicht meine Sache und dass der Sänger ernsthaft die Luftgitarre bemüht und der Gitarrist zu seinen WahWah-Sound verzückt den Kopf in die Höhe zerrt, lassen mich an der Ernsthaftigkeit ihres Memorialauftrittes zweifeln. Wie ich später von einem Kenner der ungarischen Musikszene erfahre, war Syrius eine in den späten 70ern erfolgreiche ungarische Band, von denen, leider die meisten Mitstreiter bereits tot sind.

Dann ist sie da, mit der Beiläufigkeit eines Bühnentechnikers checkt sie Kabel, stellt Mikros um. Sie kommen aus dem großartigen, weltstädtischen, die übertriebene Geste fordernden Amerika und das merkt man ihnen an. Das ist ihr zu Hause, hier in der Burg Vár haben sie nix zu verlieren, das macht sie so unglaublich lässig. Und zu meiner größten Freude gibt Patricia Barber zur Einstimmung und von den meisten Anwesenden unbemerkt, meine kleine Komposition für „Beliebige Tasteninstrumente und Staubtuch von 1982“ zum Besten.

Die Daumen gehen hoch, die Technik steht, es kann los gehen. Und die erwartungsvolle Aufregung im Burghof wird sie nicht losgaloppieren lassen, sondern ganz im Gegenteil: mit „The Moon“ aus ihrem Mythologies Album legt sie allem Hochfliegenden Zügel an, entschleunigt alles in Richtung Verdichtung. Darin besteht das Virtuosentum des „Patricia Barber Quintetts“, das Laute im Geflüsterten zu Gehör zu bringen, halsbrecherische Ton- und Akkordfolgen im Prestissimo zwar zu denken, diese aber wie mit einer Zeitlupenfunktion fürs Hören Ton neben Ton, Akkord neben Akkord zu setzen. Wie schwer das ist, wie sehr das dem gewohnten Musizieren zuwider läuft, lässt uns Patricia Barber in ihrem grotesk verzerrten Mienenspiel miterleben.
Beinahe alle Titel kommentiert das offensichtlich höchst kundige Gyulaer Publikum nach den ersten Akkorden mit einem „Kennen wir“ Klatschen. Was man dem Sound nicht anhört, ist die starke Fixierung der drei Männer auf ihre geniale Frontfrau. Da will sie manchmal mit guturalen Jauchzern das Improvisationsfeld öffnen und springt durch die Tonarten, erntet aber leider nur brave Gefolgschaft. Verschämt, fast trotzig platziert ihr ebenfalls grandioser Drummer Eric Montzka den letzten Schlag nach einem filigran geführten Duo von Klavier und Schlagzeug.

Wie schon bei den beiden vorhergehenden Bands, wären auch die meisten Barber-Songtitel mit „In Memoriam“ zu überschreiben, womit für den bisherigen Abend die erkennbare Klammer gegeben wäre. Wie wenig man beim Neuinterpretieren allerdings das gestische Repertoire der Originale imitieren muss, machte Neal Algers Gitarrenspiel deutlich. Mit souveräner Zurückhaltung platzierte er seine elektronischen Einwürfe, die den Sound der Band wenigstens so sehr prägen, wie das Klavierspiel von Patricia Barber.
Seltsam irritierend war zu Beginn, dass dem Kontrabassisten Larry Kohut der Monitorsound einfach nicht recht zu machen war. Vom Ende her betrachtet wirkt es jetzt wie ein billiges Ablenkungsmanöver, das er stellvertretend für die Vier veranstaltet hat. Ein verzweifeltes aber letztendlich bereits verlorenes Aufbäumen gegen das Offensichtliche, nämlich das „zu-Hause-angekommen-sein“ des „Patricia Barber Quartetts“ und das zu Hause ist nicht das Chicago im weit entfernten Amerika, sondern Gyula in Ostungarn, jenem Ort, der sich kollektiv der Entschleunigung und dem Glücklichsein verschrieben hat.

Dem drohenden Regen sei es gedankt, hatte er doch die Programmabfolge optimiert. So stand am Schluss des Abends mit der Gypsy Musik Formation um Balogh Kálmán eine Spielform des Jazz, die ohne die Referenz „In Memoriam“ gar nicht zu denken ist.

Reinhard Wanzke
Sibiu/Hermannstadt, 27.07.2010

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