Nur Tasmanien

II. 21.01.2017 Nur Tasmanien (New Zealand vom Reiseplan gestrichen)

Ein Profi-Gambler schneidet in Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens, auf einer Halbinsel im Flussdelta des Derwent Rivers für 60 Mio AUD einen grandiosen Museumsbau in den Fels und beweist auch bei Ausstellungsinszenierung und Präsentation erstaunliches Gespür: man wandelt durch Traumwelten, spielerisch und wenn Bedarf, auf Knopfdruck informativ, die Kunstwerke wohl dosiert mitunter überbordend. Ein Museum als Wahrnehmungsspielplatz erster Güte. Gebetsmühlenartig ratterts mir durch den Kopf „die haben hier alles richtig gemacht, alles richtig gemacht“.

Nach einem Spaziergang durch den museumseigenen Weingarten, vorbei an pickenden Hühnern…
Das Museum als „Objet trouvé“
Und natürlich gibt es auch jede Menge (gute) Kunst zu sehen, aber nicht in diesem Blog.

An dem Wochenende, an dem ich das Museum besuche, findet auf dem Museumsareal das Musikfestival MONA FOMA statt und weil meine Ohren irgendwann am Spätnachmittag eine Auszeit brauchen, spaziere ich die Stufen hinunter zur Anlegestelle des hauseigenen Schnellbootes. Auch so eine Idee des Museummachers Walsh, das Museum müsse von Hobart aus mit dem Schiff erreichbar sein.

Wie die alten Griechen ihre Tempel, so sollen nach Walsh auch die Besucher seines Museums dieses per Schiff besuchen.

Auf dem Weg zum Anlegesteg passiere ich eine Installation des französischen Künstlers Christian Boltanski: The Cave. Die Tür ist noch geöffnet, also rein. Cave, Höhle – es ist kühl und mäßig beleuchtet. Links wächst eine verglaste Regalwand bis unter die Decke. Diese dient als Aufbewahrungsort für durchdatierte DVD. Jeder Tag seit dem Erwerb der Installation in 2009 eine DVD. Rechterhand öffnet sich ein Raum, ca. 5m x 5m, von dessen Wand mir ganz schwach mein Spiegelbild entgegen scheint. Bei näherem Herangehen ist es die spiegelnde Oberfläche eines Monitors und jetzt bin ich mir sicher, die Installation ist nicht in Betrieb: auf diesem Monitor gibt es für Gewöhnlich was zu sehen. Ich finde zu dieser Installation eine Reihe von Artikeln im Netz. Ich fürchte auch bei Betrieb dürfte sich der Sehgenuss in Grenzen halten: es ist die tägliche Live-Übertragung aus Boltanski’s Studio außerhalb von Paris. Das weitaus spannendere, das ich dem Artikel entnehme, ist die Art der Honorierung des Kunstwerkes (https://www.themonthly.com.au/issue/2013/february/1366597433/richard-flanagan/gambler): der vereinbarte Kaufpreis wurde auf eine monatliche Zahlung über den Zeitraum von acht Jahren umgerechnet. Stirbt Boltanski früher, worauf Walsh gewettet hatte, geht das Kunstwerk zu einem günstigeren Preis in seinen Besitz über. Die acht Jahre sind vorbei und Boltanski lebt noch. Walsh der Gambler hat dieses „Spiel“ auf Leben und Tod verloren.

Mich hat die Episode am Ufer des Derwant River dazu animiert, Herrn Walsh zur Teilnahme an meinen „Bad Bags/Good Bags – All around the World“ einzuladen (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1366523700036975&set=oa.1749613705368665&type=3&theater).

Nicht nur Australien hat Platz. Auch Tasmanien. Hobarts Wohnstraßen sind großzügig angelegt, jeder hat quasi seine eigene Autobahn vor der Türe.

Eine ganz normale Wohnstrasse in einem Einfamilienhaus Wohnviertel in Hobart…
und dann Abendstimmungen wie diese: als hätte Caspar David Friedrich Hand angelegt.

Ich traue mich das erste Mal auf meiner bisherigen Reise in den Linksverkehr (Kampala war mir zu chaotisch, zu riskant). Miete mir für eine Woche einen Toyota Carina…

Straße, Auto und Landschaft. Die bestimmenden Größen für die nächsten Tage.

und reduziere noch am ersten Tag meine Reiseziele: übrig bleiben Strahan, ein Ort an der Westküste Tasmaniens mit ausgewiesenen Strandqualitäten und Queenstown, ein Städtchen auf dem Weg dorthin mit zunächst einmal nur akzeptablen Hotelpreisen.

Das Empire Hotel in Queenstown, meine Unterkunft für zwei Nächte.
Abendstimmung, menschenleer.
Rechts das Haus von Jayne, die sich um die Stadtgeschichte kümmert. Sie hat historisches Material zu den „Bad Bags/Good Bags“ beigesteuert.

Dabei erfahre ich eine Umkehrung der Reiseführerweisheiten: Strahan ist ein gähnend langweiliges Örtchen am Wasser, Queenstown dagegen hat Detroit-Qualitäten: eine Stadt im Umbruch. Nachdem die Goldgräberstimmung von Anfang des 20Jh. längst verflogen war, wurden Ende der 90er Jahre auch die Kupferminen infolge mangelnder Rentabilität und wegen der unübersehbaren Umweltunverträglichkeit geschlossen.

20 Jahre Stillstand im Bergbau haben der Vegetation um Queenstown eine Chance gegeben. Die Hügel beginnen wieder zu grünen.
Die poetischen Qualitäten des Verfalls.
Anzeichen einer Subkultur.
Kultverdächtige Orte, an denen es spät abends um 10 noch eine von Hand belegte Pizza gibt.
Dieser schicke Hausanbau mag für einen hoffentlich glückenden Neuanfang in Queenstown stehen.

Ich habe dann doch noch den Halbtagesausflug mit dem Tragflügelboot von Strahan aus den Gorden River hinauf gebucht. Eine Reise mit Bildmotiven ohne Ende: vorbei am Macquarie Hafen durch die „Hell’s Gates“, der gefährlich engen Durchfahrt zum Südpolar Meer, Prawn Zuchtanstalten bei der Befütterung mit dem Gartenschlauch und unseren beiden Landgängen, auf „Sarah Island“, der Strafkolonie der Engländer  (http://www.the-apple-island.de/river-run/sarah-island/)  und einem beplankten Rundweg durch den Urwald mit Besichtigung einer 2000 Jahre alten, hier endemischen Huon Pine (ein Stück, nur 200 Jahre alt, ist in einer meiner „Bad Bags/Good Bags“ gelandet).

Zurück aus 2000 Jahren Vergangenheit zu unserem Schnellboot.

Ich verlasse Strahan direkt nach unserer Rückkehr am frühen Nachmittag in Richtung „Cradel Mountains“, einem der Hotspots in Tasmanien. Um selbige zu erwandern hätte ich den Overland Track buchen und meinen Tasmanienaufenthalt um eine Woche verlängern müssen. Ich begnüge mich mit dem Naturpark um den „Lake St. Clair“ (dem mit 167m tiefsten See Australiens) und lande dort mit Einbruch der Dunkelheit.

An den Ufern des Lake St. Clair.

Bild ohne Foto
Als ich vom Zähneputzen zurück zu meinem 3 Bett Zimmer über den bewaldeten Parkplatz laufe, vor mir im Halbdunkel ein nie gehörtes Hüpfgeräusch: schemenhaft sehe ich mein erstes leibhaftig lebendes Känguru.

Ich habe es stets vermieden bei Nachts zu fahren. Die Vorstellung links von mir und rechts von mir hunderte Kilometer Wald und nichts als Wald war für ein Gefühl des Unbehagen bereits ausreichend. Diese gehörige Portion Geworfensein noch mit der Vorstellung zu toppen, vor dem Scheinwerferkegel und hinter den roten Rückstrahlern nur dunkle, dunkle Nacht zu haben, wollte ich mir ersparen. Ganz abgesehen von der reellen Chance eines Roadkills. Davon gab es auf meinen Tagstrecken alle paar Kilometer reichlich Zeugnisse.

Was wie Raureif aussieht, sind Waldreale nach einem Großflächenbrand.

Ich beschließe meinen Tasmanien Ausflug mit einigen Landschafts- und Naturimpressionen.

Weite mit Wasser im Vordergrund.
Weite mit Savanne im Vordergrund.
Himmels Zumthor Bruder-Klaus-Feldkapelle!
Zitronenfarbene Flechten.
Ich befinde mich auf halbem Wege meiner 3 Stunden Rundwanderung. Wolken schieben sich bedrohlich in die Niederungen meines Restweges.
Da danke ich den orangenen Dreiecken und denen, die sie dort für mich aufgestellt haben.
Ich habe zwar keinen tasmanischen Teufel gesehen, aber die Russel Falls. Bye Bye Tasmania!