Zurück auf dem australischen „Mainland“

III. 28.01.2017 Zurück auf dem australischen „Mainland“. Mit dem Auto vom Melbourne Aavalon Airport (… auch so eine Art „Frankfurt Hahn“) nach Sydney International Airport

Frühmorgens nach einstündigem Flug Ankunft in Aavalon. Passend zur Brille, mein 5 Türer Hyundai i30.

Habe in Omeo, der Goldgräberstadt noch den Friedhof aufgesucht. Die Gräber sind nach Glaubensrichtungen und Nationen sortiert. Genaugenommen sind es die christlichen Religionen und Chinesen. Offensichtlich konnte oder wollte man mit dem unchristlichen Glauben der Chinesen auf diesem Gottesacker nichts anfangen. Es dürften Mitte des 19Jh. Anhänger des Chan (Zen)-Buddhismus gewesen sein.

Ich nehme eine Grabsteinplatte mittels Frottage ab und mache mich dann auf den Weg zur heutigen Übernachtungsstätte. Darthmouth hatte ich in Google Maps eingetippt und die Fahrt sollte 55min für die 60km dauern.

Der Friedhof in Omeo.
Das weite australische Land.

Cruisen in sonniger Abendstimmung und da hab ich auch schon einen Abzweig verpasst. Und nachdem so „Null“ auf den Straßen hier los ist, fahre ich das Stück rückwärts, anstatt kehrt zu machen. Ich denke – Australien, endlose Weite und mittendrin! „Ich“. So fühlt sich das auch bei 120km/h noch an. Es soll mir die nächste Stunde nicht ein einziges Auto begegnen und als die „paved road“ überraschend endet und ich auf einer Schotterstraße weiterfahre, bin ich zunächst nur etwas irritiert. Schließlich war auf der von mir gewählten Route keine solche eingezeichnet. Ich fahre weiter, mit reduzierter Geschwindigkeit ziehe ich eine Staubwolke hinter meinem tadellos weißen Hyundai i30 her. Ich bin mir sicher, dass ich die Schotterstraße bald wieder verlassen werde, freue mich über einen australischen Hasen, der vor mir über die Straße hoppelt und wenig später, bei all den totgefahrenen Kängurus am Straßenrand vergesse ich die Schotterstraße vollends: ein lebendiges Känguru. Steht da etwas unschlüssig, hüpft, blickt in die Richtung meines nun stehenden Wagens, schaut nach rechts, nach links, als wolle es die Überquerung der Straße absichern und hopp, hopp ist es im Unterholz verschwunden.

Rechts vor dem Abzweiger. Achtung Känguru!

Ich bin gerührt und beglückt zugleich, die vielen toten Kängurus, denen ich bisher begegnet bin, sind wie zu neuem Leben erweckt. Es gibt sie also nicht nur als „kills“ im größten australischen und auch tasmanischen Game Park, den Autobahnen und Landstraßen, es gibt sie tatsächlich friedlich dahin hüpfend, beidbeinig mit Schwanzunterstützung.

Bisher war ich davon ausgegangen, Kängurus seien nachtaktive Tiere. Ich habe mich getäuscht. Ich verlangsame mein Fahrtempo auf Bremsweite und kann so einem Kängurupärchen von rechts problemlos das Queren der Straße ermöglichen.

Ein Blick auf meine Google Maps sagt mir noch 4km und Sie haben ihr Ziel erreicht und ich denke, einmal Altbach-Plochingen, mein täglicher Schülerweg, damals. Und dann bin ich nach 4 km auch schon da – Ziel erreicht: Darthmouth und ich stehe mitten auf einer Schotterstraße und bin im Moment meiner Ankunft am Zielort vom Radarschirm des Internets verschwunden. Man hat mich da mitten in den Weiten des australischen Waldes mit „kein Netz“ abgesetzt.

Ich war irgendwie doch auf der 50km Schotterstraße gelandet, die ich auf keinen Fall fahren wollte. Ich vermute die anfängliche Korrektur meiner Route, das Rückwärtsfahren, hat mich auf die zwar kürzere Verbindung nach Darthmouth, aber eben auch auf die Schotterstraße gebracht.

Die Vorstellung „Weiterfahren“ ist mir unheimlich. Es beginnt bereits zu dämmern und ich habe vermutlich noch 30km vor mir, und vor Allem keine Ahnung ob da irgendwelche Menschen am Rand meiner Piste wohnen. Und wie schnell ist man in den Graben gefahren, um z.B. einem Känguru auszuweichen.

Hatte ich da eben auf dem Stück Asphaltstraße nicht ein Anwesen mit großem Namensschild passiert? „Cibbo Park“? Ich kehre um und biege auf das unbeschrankte Grundstück ein. Mein Hyundai rattert über ein Kuhgitter, dann leicht abschüssig auf das Wohngebäude zu – ein zweites Kuhgitter. Ich parke den Wagen unter einem Obstbaum und gehe das letzte Stück über großzügig angelegte Grünflächen auf das Farmhaus zu.

Der Haushund entdeckt mich und heißt diesen Eindringling schwanzwedelnd und bellend willkommen. Ich entspanne. Im Inneren des Hauses tut sich nichts. Auch als ich näher herantrete und das an der Türe hängende Glöckchen betätige: Niemand zu Hause? Ich gehe rechts herum ums Hauseck und entdecke hinter der großflächig verglasten Hauswand einen alten Mann unbeweglich im Ohrensessel sitzend. Auf seinem entblößten linken Oberschenkel liegt ein medizinischer Sack. Offensichtlich vor laufendem Fernseher eingeschlafen, denn ich höre Stimmen. Jedenfalls regt er sich nicht, trotz der Person, die da vor seinem Fenster steht und hereinschaut. Ich beschließe das Haus in der anderen Richtung abzugehen – zweiter Schreck: mit dem Rücken zum Fenster sitzend eine Gestalt, ich vermute die Frau, die sich das gemeinsame Ehebett als Ausblick gewählt hat. Der Hund bellt wieder. Die Person dreht sich zum Fenster und entdeckt mich. Ich denke Winken könnte Vertrauen schaffen, also winke ich. Sie winkt zurück, steht auf und erscheint wenig später freundlich lächelnd in der Haustüre. Ich entschuldige mich für die späte Störung, aber sie fühlt sich nicht gestört, bringt mich stattdessen mit meiner Frage nach dem rechten Weg, von dem ich offensichtlich abgekommen war, zu ihrem Mann. Das scheint sich hier in der Weltabgeschiedenheit zwischen den Beiden so eingespielt zu haben: wenn es schwieriger wird, dann ist das Männersache. Ja er war vor dem Fernseher eingeschlafen und begegnet mir nun mit medizinischem Beutel auf dem Oberschenkel und seinem von schwarzen Muttermalen übersäten Gesicht, wie normal. Er beschwichtigt meine Bedenken ob der Schotterstraße mit „quite a normal road“ und die Fahrt bis Nariel, wo sie offensichtlich endet, würde noch etwa 1 ½ Stunden dauern. Nicht mehr heute, erwidere ich und ob es OK wäre, wenn ich auf ihrem Grundstück unter den Bäumen in meinem Wagen übernachte? Das sei in Ordnung und ob ich zu Essen hätte, fragt mich sorgenvoll, sie. Es klingt wie eine Einladung. Aber ich lehne dankend ab, „nicht aufdringlich sein“, sag ich in mich hinein. Dabei hat mir nur die sprachliche Wendung gefehlt. Die angebrochene Weinflasche, die allein ich zum gemeinsamen Abendessen hätte beisteuern können, war mir auch nicht eingefallen. Ich verabschiede mich und bin den Beiden und dem Hund so dankbar für ihre menschliche Präsenz in diesem für mich absoluten „nowhere“.

Der Herr des Hauses hinter Glas.
Die Dame des Hauses hinter Glas.
Deprivierte Hundeblick.
Mein Schlafplatz für die vierte Nacht.

Das war dann an diesem Tag bereits die achte Begegnung mit Australiern. Angefangen hatte es am Morgen bei meinem Spaziergang entlang des Seeufers in Paynesville mit Julie (Australierin Nr.1). Eine jener Hundebesitzerinnen, über die ich mich schon an meinem ersten Übernachtungsplatz am Strand von Frankstone aufgeregt hatte. Da hat man die gesamte Lebensenergie darein gesetzt, eine Immobilie in bevorzugter Lage am Meer zu ergattern und dann bleibt am Ende dieser Anstrengung als quasi Lebensessenz der allmorgendliche und allabendliche Ausgang mit dem geliebten Hundie – einmal am Strand hin und her zum Kacken und Beinchen heben. Das war’s. Das Setting gibt es in allen erdenklichen Konstellationen: Frauchen mit Hund, Herrchen mit Hund, mit bester Freundin und Hund und ganze Familie mit Hund.

Ich war ihr, dieser hübsch ergrauten, irgendwie attraktiven Mitt60erin auf meinem Rückweg begegnet, war an ihr und ihrem Hund vorbeigelaufen war schon fast am Auto, da mache ich kehrt und folge ihr behende, ziehe gleich und wünsche einen guten Morgen. „Sorry for disturbing your morning silents but may I ask you a question?“. Sie lächelt milde und gestattet mir meine Frage. Wir laufen die gesamte Strecke die ich an diesem Morgen schon gelaufen war ein zweites mal, hin und zurück und ich unterhalte mich mit der Hundebesitzern Julie über das „Glück“ an einem Ort wie diesem leben zu dürfen, welche Lebensziele ich meinen Schulkindern vermitteln soll und warum ich finde, dass die Kinder in den Slums Kampalas ein glücklicheres Leben führen, als die meisten dieser Hundebesitzer.

Nach meiner ersten Nacht im Wagen an der Uferstraße in Frankstone. Blick aus meiner Schlafkoje. Die Liegefläche gilt es noch zu optimieren.
Und dann direkt in die Fluten zum morgendlichen Bade. Hinten am Horizont kann man bei guter Sicht Melbourne sehen.
Es ist Sonntag. In diesem Sperrmüllhaufen finde ich, was ich suche.
Diese beiden ausrangierten Sesselpolster bringen meinen Schlafplatz in die Komfortzone.
Zweite Nacht. Ich entere in Port Franklin einen Yachtanlegeplatz.
Ich richte mich häusliche ein. Moskitozelt hilft auch bei Fliegenplage.
Eine Sackgasse am Ufer in Paynesville. Meine dritter Übernachtungsplatz. Mitten in der Nacht hatte sich ein Fahrzeug mit aufgeblendeten Scheinwerfern vor meinen Wagen gestellt. War dann aber, bevor ich mich in meinem Schreck sortiert hatte, wieder verschwunden.
Julie mit Hund
Der gesamte Uferweg ist bebaut mit Villen des gleichen Neidfaktors.

Nach dem Spaziergang fahre ich in das nahe gelegene Bairnsdale, kaufe dort in einem „bookshop“ eine für meine Strecke nach Sydney geeignetere Straßenkarte, gehe in der öffentlichen Library auf die öffentliche Toilette, besuche die Stadtkirche mit schön bunt gemaltem Fegefeuer und Himmelsversprechen und lande in einem Outdoor Laden, wo ich drei Hüte erstehe. Auf meine Frage nach Rabatt erwidert die ältere (routinierte) Verkäuferin (Australierin Nr.2) nur trocken, dass sie selbigen natürlich sofort an mich weitergeben würde, so sie denn selbst einen bekäme und tippt den Gesamtbetrag in Höhe von 115AUD in die Kasse. In der Bakery belohne ich mich für meinen bisher erfreulich erfolgreichen Morgen mit Möhrenkuchen und Cappuccino ohne Schokostreusel. Dann versuche ich ein zweites Mal ein Netzteil zu bekommen, mit dem ich mein MacBook über die Autobatterie laden kann. Weil er keine Macprodukte führt, lässt der junge Verkäufer (Australier Nr.3) seinen Laden völlig unbeaufsichtigt, geht mit mir 50m bis zur Hauptstraße, um mir ganz ohne irgendeinen Eigennutz den Weg zum nächsten Apple Shop zu zeigen.

Vierte Begegnung: Omeo, wo meine Erzählung heute ihren Anfang genommen hatte. Die für diesen abgeschiedenen Ort überraschend intellektuell androgyn sexy Dame der Tourist Info mit passend gewählten talergroßen silbernen Ohrringen bringt mir das Goldgräberareal als kurzen, aber informativen Spaziergang in die Geschichte Omeos nahe. Sie versäumt dabei nicht, mich auf die in der Gegend anzutreffenden Giftschlangen hinzuweisen und mich über nötige Erste Hilfe Maßnahmen aufzuklären.

Darauf erst mal einen Kaffee und Begegnung Nr. 5. Das Café hat Charme. Die Caféhausdame leider nicht. Sie wirkt verhärmt, irgendwie falsch am Platze, als hätte sie es versäumt auch zu gehen, als die letzten der feisten Goldgräberkerle Omeo verlassen haben.

Nummer sechs meiner Begegnung mit Australiern frage ich, nach absolviertem Spaziergang über das Goldgräberareal nach dem Friedhof, auf dem die chinesischen Goldgräber begraben liegen. Das Tourist Office habe leider schon geschlossen. Er weißt mir aus seinem vom Wetter gegerbten Gesicht heraus den Weg den Berg hinauf. Ich traue mich und lege noch eine Frage nach, nachdem ich anfangs etwas Scheu verspürt hatte diesen Kerl zu fragen. Was denn der Stand des „Goldminings“ heute sei, wollte ich wissen. Unumwunden und von mir unverstanden redet er in ziemlichem Slang eine ganze Salve und zeigt, meine Zeichen des Nichtverstehens verstanden habend, in Richtung der Tür, woher das Staubsaugergeräusch tönt. Den solle ich fragen. Und nachdem ihm dieses ganze Sprache-Verstehen-Spiel offensichtlich zu doof geworden war erhebt er sich von seinem Stuhl und geleitet mich zu dem, vor dem Tourist Office geparktem SUV des Herren, der da gerade das Office staubsaugt und deutet auf das auf der Wagentür angebrachte Firmenlogo. Ich habe verstanden!

Trotzdem die Versuchung groß ist, unterlasse ich es Teilhaber des „Cassilis Gold Mining Projects“ zu werden.

Ich hatte den gastfreundlichen „Cibbo Park“ nach gewohntem Frühstücksmüsli verlassen und war, wie mein Gastgeber prophezeit hatte, nach 1 1/2 Stunden wieder auf asphaltierter Straße gelandet.

Zurück auf dem Asphalt, zurück in der „zivilisierten“ Welt.

Mein heutiges Reiseziel ist Jindbyne. Dort werde ich die letzte Nacht in den Bergen verbringen, bevor ich dann wieder zurück an das Tasmanische Meer fahre. Heimatliche Gefühle kommen auf, als ich im Schritttempo eine Kuhherde passiere. Ansonsten erfreue ich mich ganz besonders des Fahrens auf ausgebauter Straße und deute es nicht als böses Omen, als ich kurz vor Ankunft am Ziel einen der grandiosesten Freiluftschrottplätze ever zu Gesicht bekomme.

Eine Kulturgeschichte der automobilen Fortbewegung rostet hier höchst fotogen vor sich hin.
Ein Bericht in Auto/Motor/Sport in der Ausgabe 21/2015
Meine 5 Nacht. Wintersportort Jindbyne mit Badesee und Jollenseglern und vorbildlichen öffentlichen Sanitäranlagen (beheizt!).
Raus aus der australischen Bergregion, zurück am Meer in Kioloa. Meine 6. Nacht im Wagen.
Nach Einbruch der Dunkelheit bin ich zunächst von Kängurufamilien umgeben. Dann fährt ein SUV vor, parkt, drei Mädels steigen aus dem Wagen und…Enttäuschung Nummer eins: Sie verjagen erstmal recht rüde die Kängurus und begeben sich dann an den Strand um… Entäuschung Nummer zwei: bekleidete SELFIES zu schießen. Dann pfeift der im Wagen gebliebende väterliche Aufpasser seine Mädels zurück in den Wagen. Mein nächtlicher Kurzfilm ist vorbei.
Lange bevor ich in meiner Koje erwacht bin und durch die vom Atem beschlagenen Scheiben den sonnigen Tag willkommen heiße, ist dieser Fischer schon in See gestochen und ist mit reicher Beute zurückgekehrt. Diese zerlegt und filetiert er direkt am Strand. Diese leichte Beute lockt auch einen Pelikan an.
Siebente und letzte Nacht in Wollongong.
Ich verschenke meine Polster an ein deutsches Paar, die gerade ihre Australienrundreise im VW Bus starten und beglücke Kakadus mit den Resten meiner Mango.

Die Reise ist zu Ende. Die Rückgabe meines Wagens am Sydney International Airport klappt reibungslos, fahre dann mit der Bahn zurück nach Sydney und hole meinen zweiten Koffer, den ich in meiner ersten und bis dahin komfortabelsten Backpackerunterkunft dem „The Pod Sydney“  während meiner zweiwöchigen Abwesenheit freundlicherweise dort hatte zwischenlagern dürfen (Tipp: http://thepodsydney.com.au).

 

 

04.02.2017 IV. Carlton, meine erste AirBnb Unterkunft

10.02.2017 V. Vier Tage, drei Nächte in Uluru

13.02.2017 VI. Zurück in Sydney – im Zeichen von „Bad Bags/Good Bags – All around the World“, aber nicht nur.